Vor rund fünf Jahren wurde ich mit ADHS diagnostiziert – ein Moment, der meine berufliche Laufbahn grundlegend verändert hat. Was zunächst wie eine persönliche Erklärung für vieles erschien, entwickelte sich rasch zu einer fachlichen Neuorientierung. In Weiterbildungen zur Neurodiversität lag der Fokus fast ausschliesslich auf Kindern und Jugendlichen, während die Neurodiversität von Lehrpersonen, Berufsbildner:innen, Studierenden oder Eltern weitgehend nicht berücksichtigt wurde. Genau an diesem Punkt begann sich mein beruflicher Schwerpunkt zu verschieben.
Mit der Diagnose machten viele Erfahrungen aus meinem Berufsalltag einen neuen Sinn. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass Erwachsene mit ADHS im Bildungssystem kaum thematisiert werden – obwohl sie mitten darin arbeiten. Diese Lücke hat mich beschäftigt und meinen weiteren Weg stark geprägt. Die 1:1-Arbeit mit Jugendlichen im Schulalltag war für mich ein grosses Highlight. Dort entstanden echte Entwicklungsschritte, tragfähige Beziehungen und viele Erfolgserlebnisse. Das System rundherum mit seinem holprigen Arbeitsdesign hingegen war hochfordernd. Ständige Unterbrechungen, Wechsel, Erwartungen, administrative Aufgaben und Wertekonflikte führten bei mir zu einer ADHS-spezifischen Stressreaktion, die sich über längere Zeit aufstaute – bis hin zu einem Burnout. Besonders belastend waren Elterngespräche, wenn Jugendliche zuhause litten und kaum Unterstützung erhielten. Wenn kein gemeinsames Verständnis möglich war, geriet ich innerlich in starke Konflikte. Mein stark ausgeprägtes Fairnessgefühl zurückzubinden, etwa wenn ich Massnahmen vertreten musste, die nicht meinen Werten entsprachen – beispielsweise Strafen –, war für mich kaum auszuhalten.
Selbständigkeit als gelebter Nachteilsausgleich
Heute arbeite ich selbständig und gestalte meinen Berufsalltag bewusst neurodiversitätsfreundlich. Ich coache Jugendliche und ihre Familiensysteme sowie Fachpersonen im Bildungssystem – insbesondere bin ich in der Berufsbildung tätig, wo ich Berufsauswahl bis zum Übertritt ins Gymnasium begleite. Ich arbeite in Blöcken, wenn ein Flow entsteht, mache Pausen, wenn ich sie sensorisch brauche, bewege mich, wenn mein Körper danach verlangt, und richte meine Umgebung gezielt ein. Ich hole mir Unterstützung, wo ich sie benötige – und das fühlt sich tatsächlich ein bisschen wie Fliegen an. Eine Herausforderung bleibt jedoch der administrative Hintergrund. Nicht neurodivers-inklusive Formulare, starre Systeme und offizielle Stellen wie Versicherungen, AHV oder Steuern fordern mich weiterhin stark. Da befinde ich mich auch in einem Lernprozess.
Die oft unterschätzten Stärken von ADHS
Für mich ist klar: ADHS bringt viele positive Seiten mit sich, die häufig unterschätzt werden. Ich kann komplexe Zusammenhänge sehr schnell erfassen und mich tief in Themen einarbeiten. Über Jahre hinweg baue ich so eine fundierte Expertise auf. Ich lese, lerne und vertiefe mich aus intrinsischer Motivation heraus – oft im Hyperfokus, auch in meiner Freizeit. In Krisensituationen bleibe ich erstaunlich ruhig, klar und handlungsfähig. Ich nehme mehrere Bedürfnisse gleichzeitig wahr und kann sie priorisieren. Schwieriger wird es für mich in Kontexten mit wenig Sinn, etwa bei langen Sitzungen oder repetitiven Aufgaben. Genau deshalb bleiben viele Lehrpersonen mit ADHS lange undiagnostiziert: Sie funktionieren hervorragend, bis die Belastung zu hoch wird.
Meine Ermutigung an Lehrpersonen mit ADHS
Insbesondere Lehrpersonen auf allen Bildungsstufen möchte ich ermutigen, sich 1:1 begleiten zu lassen – vergleichbar mit sehr guter Nachhilfe, jedoch für den Berufsalltag. Eine solche Begleitung kann den eigenen Werdegang nachhaltig verändern. Gerade bei komplexen Fällen, herausfordernden Elternkonstellationen oder schwierigen Team- oder Leitungssituationen ist externe Unterstützung für mich kein Zeichen von Schwäche, sondern von Professionalität. Sie schafft Distanz zum wuseligen Alltag und stärkt die psychische Flexibilität. Mit der richtigen Begleitung lassen sich Burnout und berufliche Abbrüche verhindern – und Menschen bleiben länger in Berufen, die sie gerne und kompetent ausüben.
Mein Appell an Schulleitungen
Neurodiversität bei Lehrpersonen und Eltern ist aus meiner Sicht nicht nur eine zusätzliche Herausforderung, sondern auch eine enorme Ressource. Sie bringt Energie, Kreativität und Innovationskraft ins System. Wenn neurodiverse Bedürfnisse auf allen Ebenen mitgedacht werden, wird es möglich, den Beruf wieder mit Freude auszuüben. Eine externe, fachlich fundierte Perspektive, die Schüler:innen, Lehrpersonen, Schulleitungen und Eltern gleichermassen einbezieht, ist dabei besonders wertvoll. Sie entlastet, schafft Klarheit und ermöglicht nachhaltige Lösungen – mit weniger Stress für alle Beteiligten.