Der 20 jährige Luis Casado ist Initiator der ersten Nationalen ADHS-Konferenz im Bundeshaus – er setzt sich zusammen mit Nationalrat Simon Stadler dafür ein, dass die Stimmen von Menschen mit ADHS im Bildungsbereich gehört werden.
Luis, du hast selbst ADHS und bist damit durch unser Schulsystem gegangen. Wie kam es bei dir zur Abklärung?
Ich erhielt die Diagnose mit ca. 7 Jahren – die Abklärung erfolgte kurz nachdem ich von der ersten Klasse in die Einführungsklasse eingestuft wurde.
Hat die Diagnose etwas bei dir ausgelöst?
Zu dem Zeitpunkt noch nicht, da war ich wohl noch zu klein. Mit 10 Jahren habe ich dann angefangen, mir Gedanken zu machen, habe gemerkt, dass ich anders bin. Schlimm fand ich das aber nie. Ab der Oberstufe habe ich mich dann wirklich mit ADHS auseinandergesetzt. Und ich habe noch besser gelernt, damit umzugehen, habe mir Strategien angeeignet.
Hat sich etwas verändert seit der Diagnose als Kind?
Die meisten Herausforderungen, die ich früher hatte sind auch jetzt noch da: Konzentrationsschwierigkeiten, Impulsivität, fehlende Geduld… Die meisten Symptome habe ich jetzt einfach besser im Griff. Ich habe bis vor einem Jahr auch Medis genommen. Letzten Frühling habe ich dann für mich entschieden, dass ich es ohne versuchen möchte – und das funktioniert ganz gut, ich habe sogar meine Abschlussprüfung ohne Medis geschrieben.
Und wenn doch mal etwas nicht funktioniert?
Ja, manchmal gibt es schon noch Impulskäufe zum Beispiel. Dann versuche ich, das Beste daraus zu machen und mich an dem, was ich gekauft habe, zu erfreuen. Und ich habe gelernt, dass ich den Fokus besser halten kann, wenn ich etwas nebenbei kritzele, rumschaue oder mit Stiften spiele… das hat mir auch bei der Abschlussprüfung geholfen. Meine Finger müssen beschäftigt sein, dann geht’s besser. Ganz wichtig ist auch das Interesse an dem, was ich mache: Ich bin jetzt im 4. Lehrjahr als Geomatiker – da fehlt mir der Fokus überhaupt nicht, da gefällts mir und ich bin immer voll dabei! Sobald ich von etwas begeistert bin, bin ich Feuer und Flamme. Dann bleibe ich auch dran, bis es fertig ist, bin schon fast stur und im Hyperfokus. Ich habe auch viele kreative Ideen, finde Lösungen, die sonst nicht gerade auf der Hand liegen. Und ich habe einen hohen Gerechtigkeitssinn – das finde ich gut. Deshalb habe ich mich wahrscheinlich auch bei engage.ch eingebracht.
Du hast deine Idee vor gut einem Jahr dort eingetragen – wie kam es dazu?
Das war lustig – da war ich gerade dabei, meine Vertiefungsarbeit zu schreiben. Gleichzeitig kam bei der Berufsschule die Werbung für engage.ch. Diese hat mich von der Arbeit abgelenkt (lacht) und ich habe mich direkt angemeldet. Ich dachte mir, «was soll schon gross passieren!?» Einige Zeit später habe ich den positiven Bescheid bekommen und war mega überrascht. Ich dachte zuerst es wär ein Fake… und jetzt finde ich es richtig richtig cool, dass Simon sich zusammen mit mir dafür einsetzt.
Nationalrat Simon Stadler hat sich dann mit dir getroffen, um über dein Anliegen zu sprechen – wie war das?
Ich war nervös, als ich nach Bern gefahren bin. Ich meine, einen Nationalrat im Bundeshaus treffen ist schon was! Aber ich war überzeugt von meinem Anliegen und bin eine offene Person. Und weil ich mich unbedingt für mein Anliegen einsetzen wollte, half das extrem. Das Treffen war angenehm und produktiv. Wir schauten zusammen an, was wir machen können – wir haben schnell gemerkt, dass man häufig nur über die Menschen mit ADHS spricht und nicht mit ihnen. Daraus entstand dann die Idee zur Konferenz, die wir gemeinsam mit den ADHS-Organisationen ins Leben gerufen haben.
Dein Anliegen ist es, die Bildungssituation für Menschen mit ADHS zu verbessern. Was konkret hat dich während deiner Schulzeit gestört?
Lehrpersonen waren zu wenig aufgeklärt, wussten zu wenig über ADHS. Sie haben mich teils so behandelt, als wäre ich ein bisschen dumm, dabei war ich in den Fächern, die mich interessiert haben, unterfordert. Mich störte ausserdem, dass sich Lehrpersonen oft auf meine Schwächen konzentriert haben, auf das, was ich nicht so gut konnte – für mich wäre es viel motivierender und sinnvoller, wenn sie sich auf die Stärken konzentriert hätten! Auch meine Geschwister, sie haben auch beide eine ADHS, haben dasselbe erlebt. Also konkret finde ich, dass Lehrpersonen mehr über ADHS wissen müssen!
Was möchtest du der Gesellschaft mitgeben?
Denkt nicht, dass Menschen mit ADHS etwas nicht können, nur weil sie ADHS haben. Vielleicht braucht es etwas länger oder sie sind nicht gut in der Schule – aber wir können so viel und manchmal sogar noch mehr als andere.
Was möchtest du anderen Menschen mit ADHS mitgeben?
Beobachtet euch: Wann seid ihr im Flow, wann nicht? Und schämt euch auf keinen Fall für euer ADHS. Seid wie ihr seid. Die Menschen, die euch gernhaben, bleiben so oder so bei euch. Wer will schon normal sein? Das ist doch langweilig.
Mehr zur Nationalen ADHS-Konferenz finden Sie hier: www.elpos.ch/aktuelles