Seit 11 Jahren unterstützt Anita Jung Strub Menschen mit ADHS und deren Umfeld am elpos-Beratungstelefon. Ihre Devise: ADHS ist kein Defizit, sondern eine andere Art die Welt zu sehen. Ein Gespräch über ihre Arbeit und persönliche Ressourcen.
Was verbindet dich persönlich mit dem Thema ADHS?
Ich glaube, ich komme aus einer richtigen ADHS-Familie – und ich habe Sozialpädagogik studiert. Schon immer hatte ich mit Menschen zu tun, mit all ihren Stärken und Herausforderungen. Das hat mich geprägt und ist auch der Grund, warum ich bei elpos arbeite. Der Auslöser war die Diagnose meines Sohnes. Seit 15 Jahren bin ich jetzt bei elpos, zuerst im Vorstand und seit 11 in der Beratung.
Welche Herausforderungen erlebst du da?
Da gibt zwei grosse Punkte: Erstens, mich immer wieder neu auf die aktuellen, sehr spezifischen und individuellen Probleme der Ratsuchenden einzustellen. Zweitens, am Telefon sofort präsent zu sein – die Leute genau da abzuholen, wo sie gerade stehen, und das Richtige zu sagen. Einmal hatte ich jemanden am Telefon, der sich das Leben nehmen wollte. Das ist mir lange nachgegangen.
Das hört sich belastend an. Wie schaffst du es, dich abzugrenzen?
Mittlerweile geht das gut – aber ich musste es lernen. Natürlich gibt es Momente, in denen mich die Verzweiflung der Eltern heute noch mitnimmt und lange beschäftigt. Dann gehe ich viel in die Natur, treffe Freunde, mache Musik. Dass ich regelmässig im Chor singe, gibt mir einen Ausgleich und wieder Boden unter den Füssen.
Was hörst du in der Beratung am häufigsten?
Ganz viel pure Verzweiflung. Bei Eltern ist es die Angst, dass nichts aus ihrem Kind wird, dass sie die Diagnose nicht einordnen können, dass Schule und Nachbarn Probleme machen… Oder ihre eigenen Versagensängste. Bei Erwachsenen rufen oft auch Partner:innen an, die in der Beziehung nicht mehr weiterwissen. Erwachsene mit ADHS hingegen fragen meist konkret nach Strategien oder wo sie Hilfe kriegen. Und immer wieder geht es um Medikamente und Therapien.
Was für Tipps gibst du gerne weiter?
Ich versuche, so offen wie möglich zu bleiben – nicht nur über Medikamente zu diskutieren, sondern Strategien zu entwickeln, die in Alltagssituationen helfen. Ich zeige Möglichkeiten dazu auf, spreche Mut zu und möchte den Menschen mitgeben, dass nichts aussichtslos ist. Es gibt nämlich immer eine Lösung, einen nächsten Schritt. Wichtig ist mir auch der Humor: Ich versuche, mit den Leuten zu lachen, schon im Beratungsgespräch. Da habe ich schon viel gehört «Frau Jung, ich weiss nicht wann ich das letzte Mal gelacht habe – danke!» Gerade Eltern ermutige ich ausserdem, auch auf sich selbst zu achten und herauszufinden, was ihnen guttut.
Gibt es etwas, das du Menschen mit ADHS speziell mitgeben möchtest?
Habt den Mut zum Anderssein! Ihr seid nicht falsch, nicht schlechter, nicht chaotisch im Negativen. Ihr seid besonders, habt besondere Fähigkeiten – und das ist gut und wertvoll. Seid stolz darauf, wie ihr seid. Lasst euch nicht verbiegen. Allen anderen Menschen würde ich übrigens gerne sagen, dass man jede Person nehmen soll, wie sie ist, ohne sie strukturieren zu wollen. Ich möchte, dass ADHS nicht mehr als Problem, sondern als eine von vielen Facetten des Menschseins gesehen wird – mit Platz für alle, so wie sie sind. Ich glaube nämlich fest: Die Menschen, die die Welt verändert haben, hatten alle ADHS. (lacht)