Früher fiel es mir schwer, stillzusitzen oder mich auf Themen zu konzentrieren, die mich nicht interessierten. Doch seit ich Geschichte und Politikwissenschaften studiere, hat sich alles verändert: Plötzlich ist meine ADHS eine Stärke.
Ich merke mir Texte oft schon beim ersten Lesen – einfach, weil mich die Inhalte faszinieren. Viele meiner Mitstudenten müssen sich durch den Stoff quälen, während ich mich mit Leidenschaft in die Themen vertiefe. Die klaren Deadlines an der Uni helfen mir, Prioritäten zu setzen. Und die Freiheiten im Studium sind perfekt: An manchen Tagen bin ich hochproduktiv, an anderen schaffe ich nur das Nötigste und bin einfach an den Vorlesungen anwesend. Das ist okay – ich kann meinen Rhythmus selbst bestimmen.
Wenns doch mal zu viel wird
Natürlich habe ich manchmal Schwierigkeiten oder all die Reize überfluten mich. Dann hilft es mir, wenn ich auf meinen Körper höre. Manchmal brauche ich Sport, manchmal koche ich etwas Feines, und manchmal reicht es, Musik zu hören und rumzuliegen. Ausserdem sind meine Kopfhörer immer auf – sie helfen mir, mich zu fokussieren. Was mir auch hilft sind meine Hobbies und ehrenamtlichen Tätigkeiten: Mein Engagement bei der SP Emmen, als Trainer bei der Schweizerischen Lebensretter-Gesellschaft (SLRG) oder jetzt auch bei der Feuerwehr gibt mir Struktur und Ausgleich. ADHS prägt meinen Alltag noch immer – aber anders als früher. Als Kind war ich ohne Medikamente kaum in der Lage, mich zu konzentrieren. Heute geht vieles leichter, nicht nur wegen des Alters, sondern weil ich für mein Studium und meine Aktivitäten brenne!
Offenheit schafft Verständnis
Ich spreche offen über meine ADHS, weil ich gelernt habe: Wer versteht, was Neurodiversität bedeutet, geht toleranter damit um. Trotzdem wünsche ich mir, dass neurodiverse Menschen noch mehr gesehen und gehört werden. Unter anderem darum leite ich eine Online-Gesprächsgruppe für Jugendliche mit ADHS. Viele fühlen sich allein – dabei sind wir viele.
Meine Botschaft: ADHS kann dein Feind sein – oder dein grösster Verbündeter. Die Entscheidung, wie du damit umgehst, liegt bei dir.
Flavio Mathis ist 21 Jahre alt und leitet eine Online-Gesprächsgruppe für Jugendliche mit ADHS. Er studiert im 4. Semester Geschichte und Politikwissenschaften in Luzern.