… sondern ein System, das verstanden werden will.»
Es hat viele Jahre gedauert, bis ich das wirklich verstanden habe. Heute weiss ich: Wenn ich mein Gehirn nicht überfordere, sondern unterstütze, funktioniert es erstaunlich gut.
Ich lebe mit ADHS – und ich coache mit ADHS. Viele meiner Strategien sind im Alltag entstanden, aus Momenten, in denen ich merkte: So funktioniert es einfach nicht. Daraus habe ich Prinzipien entwickelt, die ich heute auch anderen weitergebe. Manchmal ist mein Kopf ein Feuerwerk: zu viele Ideen, zu wenig Zeit. Kleine Unklarheiten oder offene Enden bringen mein Nervensystem schnell ins Schleudern – mein Körper reagiert mit Unruhe, Anspannung oder einer inneren Ohnmacht.
Dann hilft mir nur eines: innehalten, durchatmen, sortieren. Ich habe gelernt, dass mein Gehirn nicht falsch ist – es braucht einfach andere Bedingungen, um gut zu funktionieren.
Sichtbar machen, was sonst im Kopf kreist
Ich schreibe fast alles auf – nicht, weil ich es sonst vergesse, sondern um mein Gehirn zu entlasten. Am liebsten nutze ich mein Rocketbook. Das fühlt sich an wie ein Notizbuch, lässt sich aber mit einem feuchten Tuch vollständig löschen. So kann ich meine Gedanken frei aufzeichnen, Zusammenhänge visualisieren und jederzeit neu beginnen – ohne dass sich Papierstapel anhäufen. Ich zeichne meine Gedanken als Netze und Verbindungen, nicht als Listen. Dadurch sehe ich auf einen Blick, wie Themen miteinander verknüpft sind – und mein Kopf wird ruhig.
Bewegung als Regulation…
Ich gehe aktiv in den Körper, abhängig von meinem Arousal-Niveau. Wenn der Kopf zu laut wird, suche ich den Ausgleich im Körper: Winterbaden, Infrarotsauna, Nagelmatte, Sprints mit Spaziergang oder Hanteltraining zu Hause. Ich nutze diese Wechselwirkung zwischen Feuerwerk im Kopf und Ruhe im Körper ganz bewusst – das reguliert mein Nervensystem besser als jede To-do-Liste. Über die Jahre habe ich viel ausprobiert – von Achtsamkeit bis Biohacking. Irgendwann habe ich verstanden, wie mein Körper und mein Kopf zusammenspielen. Seit ich das ernst nehme, sind die Winter leichter, und meine Energie bleibt stabiler.
… und eine Struktur, die atmet
Ich brauche Struktur – aber sie muss flexibel bleiben. Ich plane nicht den ganzen Tag, sondern nur die Startpunkte: Wann beginne ich womit? Der Rest darf sich entwickeln. Pufferzeiten sind Pflicht. Ich rechne immer mit einer «ADHS-Steuer» – das sind die Minuten, die unweigerlich verloren gehen, weil ich etwas suche, vergesse oder abschweife. Plane ich sie ein, bleibe ich gelassener.
Freundlich mit sich selbst umgehen
Früher habe ich mich ständig unter Druck gesetzt. Heute weiss ich, wie Stress mein Denken und Handeln blockiert – besonders, wenn auch von aussen Erwartungen auf mich einwirken. Ich übe, mit mir zu sprechen, wie ich mit anderen sprechen würde – ehrlich, aber liebevoll. Wenn etwas nicht klappt, frage ich: Was hat heute nicht funktioniert – und was kann ich morgen anders probieren? Mein vernetztes Denken und meine feine Wahrnehmung helfen mir, Muster, Stimmungen und Zusammenhänge zu erkennen, bevor sie jemand in Worte fasst. So kann ich Menschen dort abholen, wo sie gerade sind. In meinem Coaching bedeutet das, dass ich oft schon spüre, wo jemand festhängt, bevor er oder sie es selbst benennen kann – und wir genau dort ansetzen können.
ADHS heisst für mich heute auch, kreativ, sensibel und anpassungsfähig zu sein. Mein schnelles, vernetztes Denken ist zu einem Werkzeug geworden, das ich gerne weitergebe, damit andere ihr eigenes System besser verstehen. In meiner Begleitung geht es nicht darum, Menschen zu verändern, sondern ihnen zu zeigen, wie sie sich selbst besser verstehen können. Entwicklung bedeutet für mich, gemeinsam herauszufinden, was wirklich funktioniert, und den Alltag Schritt für Schritt leichter zu machen. Jeder Mensch hat eine eigene Landkarte – die Kunst ist, sie zu lesen. Wenn du dich in vielem wiedererkennst, dann nimm das als Zeichen, dass du dich besser kennst, als du denkst. Es gibt Wege, die sich deinem System anpassen – statt umgekehrt. Und manchmal beginnt Veränderung einfach damit, den eigenen Rhythmus wiederzufinden.
Reto Hurt, B.A. Pädagogik (DK), ist Coach, Sonderpädagoge und Gründer von Reto Hurt Coaching.
Er versteht ADHS nicht als Störung, sondern als Einladung, das eigene Denken neu kennenzulernen. Nach vielen Jahren an Spezialschulen und seiner eigenen Diagnose mit 35 verbindet er pädagogische Erfahrung mit gelebtem Wissen. Seine Stärke liegt darin, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen – und Menschen zu zeigen, wie sie mit ihrem System arbeiten können, statt dagegen anzukämpfen.