Die Diagnose: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Vier Jahrzehnte lang dachte ich, ich hätte einfach eine eigenwillige Software in einem unbekannten Betriebssystem. Dann liessen wir meinen ältesten Sohn abklären. Während ich seinen Fragebogen ausfüllte, hallte es in meinem Kopf: «Das bin ich. Das bin ich auch. Moment… bin ich das etwa alles?» Mit 41 Jahren kam die Gewissheit: Ich habe ADHS. Ein lebenslanges Rätsel wurde gelöst, während ich eigentlich nur das Rätsel meines Sohnes knacken wollte.
Das Struktur-Paradoxon & das Duracell-Dilemma
Mein Alltag ist ein Seiltanz. Einerseits brauche ich Struktur, um nicht zu entgleisen, andererseits langweilt mich Routine zu Tode. Ich kämpfe mit einer explosiven Impulsivität und einer volatilen Konzentrationsfähigkeit (Hyperfokus ausgenommen), die sich bei Langeweile binnen Sekunden in Nebel auflösen kann. Mein grösstes Problem: Ich habe kein Frühwarnsystem. Ich kenne nur den «Duracell-Häschen-Modus» mit 2000% Energie oder die totale, bleierne Erschöpfung.
Akzeptanz, Selbstkompetenz und Selbstfürsorge
Ich habe aufgehört, nur passiv zu leiden. Stattdessen befasse ich mich vertieft und detailliert mit ADHS. Dieses Wissen ist mein Kompass. Es hilft mir, meine Kreativität und Begeisterungsfähigkeit zu nutzen, ohne mich permanent selbst zu verbrennen. Der Weg zur Akzeptanz, dass ich anders funktioniere als andere, war ein langer Prozess. Ich verstehe heute die Chemie hinter meinem Chaos und teile meine Erkenntnisse und Erfahrungen gerne mit Anderen und versuche täglich aufs Neue, nicht mehr zu maskieren. Oberste Priorität, egal ob neurotypisch oder neurodivergent: Selbstfürsorge! Du bist der Kapitän deines eigenen Schiffs. Als Mutter von drei Kindern trage ich die Verantwortung für das emotionale Gefüge einer ganzen Familie. Gerade in dieser Rolle ist es überlebenswichtig, auf sich selbst zu achten. Wenn ich mich verliere, verliert die Familie ihre Mitte. Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern die Basis.
Die Notfallliste
Was ich anderen Menschen mit ADHS mitgeben möchte: Nehmt eure Gefühle ernst und holt euch Unterstützung. Mein wichtigster «Best Practice»-Tipp: Erstellt euch eine Notfallliste, wenn es euch gut geht. Schreibt darauf, was euch in Momenten der totalen Überforderung hilft (z. B. Reize reduzieren, Musik, eine schwere Decke, Sport oder einfach «Nein» sagen). Wenn der Kopf im Nebel versinkt, müsst ihr nicht mehr nachdenken – ihr müsst nur noch die Liste lesen und das auswählen, was euch hier und jetzt guttut. Gebt gut auf euch acht. Wir leben das Leben auf dem Schwierigkeitsgrad «Extrem», aber mit der richtigen Liste und genug Selbstmitgefühl wird die Reise zum bunten Abenteuer.
Andrea Wackrow ist Mutter von 3 Kindern und lebt mit ihrer Familie im Kanton Aargau. Sie leitet eine Gesprächsgruppe für Eltern.