Pat Burgener flog als Kind von fünf Schulen – jetzt fliegt er auf dem Snowboard und für seine Musik um die ganze Welt. «Ich war ein Rebell, drum hat’s geklappt.» Ein Gespräch mit einer ausserordentlichen Persönlichkeit.
Bereits einen Termin fürs Interview zu finden, gestaltet sich schwierig – zwischen Pats Manager (sein Bruder Marc-Antoine) und mir gehen bestimmt 7 Mails hin- und her, bis wir einen Termin finden «er hat einen sehr dichten Terminplan», meint Marc-Antoine irgendwann. Dann klappt es doch noch und wir treffen uns online – er auf dem Sofa, ich im Büro.
Pat, du bist ziemlich viel unterwegs – hast du überhaupt Zeit und Energie, um mit mir zu sprechen?
(lacht) Ja, Energie ist dank meinem ADHS selten das Problem. Ich bin vor 2 Tagen aus Brasilien wieder in die Schweiz gekommen und direkt vom Flughafen ins Training gefahren. Morgen fliege ich dann schon wieder nach Grossbritannien.
Du sprichst sehr offen über deine Diagnose und auch über deine negativen Gedanken und Erfahrungen als Kind. Was hat dir damals geholfen, aus emotionalen Phasen wieder herauszukommen?
Das war ganz klar der Sport – in der Schule wurde mir gesagt, dass ich nichts könne. Im Sport aber, da konnte ich etwas. Ich konnte gut Fussball spielen, fuhr Snowboard, fand meine Passion. So konnte ich überschüssige Energie abladen. Die Schule empfand ich als sehr schwierig – es gab ja keine zweite Option dazu, man muss in die Schule gehen und auch noch möglichst gut abschliessen, erst dann kannst du arbeiten oder etwas aus dir machen – das wurde mir zumindest so vermittelt.
Heute siehst du das anders?
Ja klar! Du musst in der Schule nicht gut sein, um etwas aus dir zu machen. Ich rede heute 5 Sprachen, bin erfolgreich im Sport und in der Musik. Und alles nur, weil ich auf mein Herz gehört habe und auch ein Rebell war – ich war sicher, dass mein Weg ein anderer ist als der herkömmliche, obwohl mir niemand geglaubt hat. Es gab ja keine Vorbilder, niemand hat mir gesagt, dass ich tatsächlich Musiker werden könnte. Dabei braucht die Gesellschaft Kunst, Musik etc…!
Dann war Musik mehr als nur ein Ventil für dich und deine Emotionen?
Musik war irgendwie schon immer da, ich habe früh Gitarrenunterricht genommen. Aber klassische Gitarre fand ich langweilig. Ich wollte doch Rock’n’Roll machen! Und Konzerte geben. Deshalb habe ich mit 11 die Gitarre in die Ecke gestellt und nur noch Sport gemacht. Aber kurze Zeit später hat es mich wieder gepackt.
…und jetzt spielst du auf internationalen Bühnen.
Ja, beim Musikmachen komme ich oft in einen Hyperfokus und kann mich total darin verlieren, 3 Stunden am Stück spielen… dasselbe gilt übrigens fürs Snowboarden, da habe ich eine Energie, das ist «gstört» (lacht).
So ein Leben «auf Achse» benötigt aber auch viel Disziplin und Organisation. Wie gehst du damit um?
Mein Bruder Marc-Antoine hilft mir beim Organisieren. Und ich habe über die Jahre auch gelernt, mich besser zu fokussieren. Zum Beispiel atme ich bewusst, damit das Gedankenkarrussell stoppt. Und ich mache Yoga, ich meditiere regelmässig, nehme mir Zeit für mich. Morgen habe ich eigentlich zum Training abgemacht, aber ich merke, dass mir das zu viel ist – ich musste lernen, auf meinen Körper zu hören! Als Kind bin ich oft komplett ausgerastet, wenn mir etwas zu viel war… Ich glaube auch, dass ich nie eine Medaille gewonnen habe, weil ich zu oft verletzt war – und dass ich mich verletzt hatte, war wahrscheinlich auch wegen meinem «explosiven» Verhalten. Dank meiner Erfahrung kann ich mich heute besser konzentrieren und spüren.
Du verarbeitest dein Leben ja auch in deiner Musik – wie zum Beispiel mit dem Song «ADHD».
Ja, es ist eben schon so, dass dank der Energie und der Emotionen auch viel Tolles in meinem Leben ist. Und ja, die Musik hilft mir, meine Erfahrungen zu verarbeiten und vor allem auch zu teilen. Mein nächster Song handelt vom «Self-Judgement», also von dem, dass man sich immer schlecht, anders, falsch fühlt und sich selber hasst… diese Gedanken weg zu kriegen ist mega schwierig! Ich möchte diese Emotionen teilen und Leute inspirieren. Ich möchte ein Vorbild sein, meine Bekanntheit nutzen – und gleichzeitig zeigen, dass ich trotz dem Erfolg genauso bin wie alle anderen auch. Ich bin nicht besser oder schlechter – sondern hatte einfach viele Privilegien, weshalb ich mein Leben heute so leben kann wie ich es tue.
Du hast die Diagnose ADHS schon lange – was denkst du heute darüber?
ADHS ist meine Superpower – ich kann heute Sachen machen, die niemand sonst macht, habe die Balance zwischen Sport und Musik gefunden. Mein Leben ist sehr abwechslungsreich. Natürlich bin ich manchmal körperlich kaputt, aber das mag ich gerne. Meine Eltern hatten das auch schnell erkannt und sagten sich «wir lassen ihn so viel Sport machen, bis er kaputt ist und schlafen kann». Das mache ich heute noch (schmunzelt).
Was möchtest du Menschen mit ADHS mitgeben?
Hoffnung. Hör auf dich. Bleib dran, glaube daran. Deine Gedanken sind richtig. Und was fast noch wichtiger ist: Menschen im Umfeld müssen unbedingt für sie da sein, sie unterstützen, pushen und an sie glauben – auch wenn es in der Schule nicht funktioniert und der Weg möglicherweise ein anderer ist.
Mehr über Pat Burgener: www.patburgener.ch
Dieses Interview ist erstmals im ADHS-Magazin Nr. 86 „Gefühlsstark mit ADHS“ erschienen