ADHS-Organisation elpos Schweiz

Zappelpapi

Satiriker und Vater I Patrick Karpiczenko

Babys kommen ohne Bedienungsanleitung zur Welt. Obschon unsere Kultur voll ist von Geschichten über Elternschaft, ist man trotzdem völlig überrumpelt, wenn man plötzlich ein eigenes in den Armen hält.

Die Geburt meiner Tochter zum Beispiel war ein erschütterndes Ereignis. Seit sie bei uns eingezogen ist, ist alles intensiver. Traurige Moment sind trauriger, glückliche Momente sind glücklicher, schlaflose Nächte sind schlafloser – und mein ADHS ist ausgeprägter.

Was mir früher nicht bewusst war: Im ersten Lebensjahr ernähren sich Kinder ausschliesslich von Muttermilch und dem Schlaf ihrer Eltern. Keine einzige Nacht liess uns unsere Tochter durchschlafen. Und Schlafenzug ist Folter – das steht so auch in der Genfer Konvention. Unsere Tochter verstösst jede Nacht gegen internationales
Völkerrecht, aber ihr ist das egal. Ob es der Schlafmangel ist, die unregelmässigen Mahlzeiten oder die mangelnde Bewegung – meine ADHS-Symptome sind seit ihrer Geburt stärker geworden. Ich bin verpeilter, unordentlicher, zappliger. Ich bin der einzige Vater auf dem Spielplatz, der noch weiterrennen will, obschon sein Kind bereits müde ist. Das ist anstrengend, für alle Beteiligten.

Konzentration war für mich schon immer ein rares Gut, aber seit ich Vater geworden bin, suche ich danach wie Indiana Jones nach dem verlorenen Schatz. Vorbei sind die Zeiten, in denen ich Auszeiten nehmen, mich im Zimmer zurückziehen und die Tapete anstarren konnte. Heute diktiert die Tochter unseren Alltag. Ich und meine Symptome müssen sich hintenanstellen. Was zur Folge hat, dass die Symptome anders rauskommen, unkontrollierter und zu gänzlich unpassenden Uhrzeiten. Und damit umzugehen, ist schwierig.

Der Instinkt, sich fürs eigene Kind aufzuopfern ist gross. Gerade in den ersten Jahren ist die Gefahr riesig, sich selbst und die Beziehung zum Partner zu vernachlässigen. Aber Therapie hilft. Und mir hilft auch Ritalin. So lerne ich jeden Tag nicht nur meine Tochter kennen, sondern auch mich selbst.

Patrick Karpiczenko ist Regisseur, Komiker, KI-Experte und Vater einer Tochter. Er lebt schlaflos in Zürich.

Diese Kolumne ist erstmals in der elpost Nr. 80 erschienen.