Mit Mindful Selfdisciplin und Hilfe von Aussen zum Ziel.
Am meisten Mühe habe ich mit ungeklärten Abhängigkeiten. Wenn ich z. B. eine Freundin besuchen will, aber ihre Zusage fehlt, kann ich weder entscheiden, ob ich bleibe, noch ob ich Tickets für ein Konzert kaufe oder was ich anziehe. Übernachte ich dort? Ist am Tag danach ein Termin, für den ich andere Kleider brauche? Welche Tasche passt dann? Passt das Outfit für die Velofahrt zum Bahnhof? Müsste ich wegen der Tasche doch den Bus nehmen – und halte ich das sensorisch aus? Und was, wenn es regnet? Jede dieser Optionen bedingt andere Vorbereitungen. Solche Kettenreaktionen überfordern mich oft so sehr, dass ich absage oder heulend auf dem Sofa sitze. Das alles und noch viel mehr ist dann subsummiert unter der Aussage «ich bin schlecht mit Daten».
Die Kehrseite der gleichen Medaille
Was bei den Daten und im Alltag zum Problem wird, ist gleichzeitig auch der Vorteil meines Hirns. ich erkenne Zusammenhänge und Abhängigkeiten blitzschnell. Ich sehe Muster und sehe gleich mehrere Lösungsansätze, wo die meisten nicht erkennen, dass es ein Problem gibt. Das ist zwar schön, aber weil mir diese Fähigkeit selten wirklich zugesprochen wird, gleiten meine Einwände und Inputs oft sang und klanglos zu Boden.
Mein persönliches Support-System
Ich habe eine Einsatztruppe aus vertrauten Menschen, die ich anrufen kann. Sie fragen, was genau mich blockiert, schlagen eine Lösung vor, und oft bin ich innerhalb von Sekunden wieder handlungsfähig. Ausserdem schreibe ich Aufgaben kleinschrittig auf – statt «Einkaufen» steht da: «Liste schreiben, Zeit planen, Ablauf visualisieren, einkaufen, einräumen». Wenn es zu viel ist, teile ich Tasks auf mehrere Tage auf; manchmal beginne ich nur damit, ein Dokument zu öffnen und offen zu lassen, damit die Hürde am nächsten Tag kleiner ist. Ich nutze Musik für Dopamin, nehme eine Kinderdosis Ritalin, bitte aktiv um Hilfe, stelle konkrete Fragen, identifiziere versteckte Bedürfnisse, baue ausreichend Pufferzonen ein, meditiere, mache Yoga, nehme Supplements – und habe viel Zeit, Geld und Energie in meinen Selbstwert investiert. Denn eigentlich sind die grössten Probleme von ADHS nicht die andere neurologische Verschaltung, sondern die Reaktionen des Umfelds darauf – und die Knicke, die sie in der eigenen Selbstwirksamkeit hinterlassen.
Mindful Selfdiscipline
Was ich anderen mitgeben möchte: Mindful Selfdiscipline. Es geht nicht ums Antreiben oder Bestrafen, sondern darum, winzige fixe positive Routinen zu schaffen, die einen auch dann Richtung Vorwärts tragen, wenn das Hirn aussetzt. Die Frage «Wie würde es meinem System gelingen?» ist hilfreicher als «Wie macht man das normalerweise?» Und: möglichst das tun, was intrinsisch motiviert gelingt.
Struktur statt Scham
Meine Best Practices sind Habit Stacking, vorgefertigte Plan Bs und alles aus dem Kopf aufs Papier zu bringen. Oft ist nicht Unfähigkeit das Problem, sondern Überforderung durch zu viele Möglichkeiten, Abhängigkeiten und Unsicherheiten. Das gilt für mich als auch meine Klient:innen. Dahinter steckt meist ein unstrukturierter Berg an unaufgeräumten Tasks, Todos, Wünschen und Verpflichtungen. Wird Angst, Scham und die daraus entstehende Lähmung identifiziert, ist es eigentlich nur Projektmanagement im Kleinen.
Ondine Riesen, lic. rer. soc., ist Coach, betriebliche Mentorin und Mitgründerin von Ting.community.
Sie erkennt Neurodivergenz als eine der grössten ungenutzten Ressourcen für gesellschaftliche Innovation und nutzt ihr assoziatives und laterales Denken, um Menschen und Organisationen weiterzubringen. Die Diagnose ADHS erhielt sie mit 27 Jahren.