Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung beginnt in der Kindheit und bleibt gemäss aktueller Studien bei einem grossen Teil auch im Erwachsenenalter bestehen. ADHS beruht auf einer veränderten Regulation von Botenstoffen im Gehirn, insbesondere Dopamin und Noradrenalin. Dieses Ungleichgewicht beeinflusst die Aufmerksamkeitssteuerung, die Impulskontrolle, die Motivation, die Reizregulation und die Fähigkeit, Aufgaben zu priorisieren und umzusetzen.
Mit zunehmender Selbstständigkeit und Eigenverantwortung, etwa beim Übergang in die Erstausbildung oder später im Berufsleben, treten ADHS-bedingte Schwierigkeiten oft deutlicher hervor. Bekannte Strukturen fallen weg, gleichzeitig steigen Anforderungen an Organisation, Belastbarkeit und die Bewältigung verschiedener Arbeitsabläufe.
Immer wieder berichten Jugendliche und Erwachsene mit ADHS jedoch über besondere Stärken, etwa kreative Lösungsansätze oder ein hohes Engagement bei interessensgeleiteten Tätigkeiten. Entscheidend ist, die individuellen Bedürfnisse früh zu erkennen und geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen.
Jugendliche mit ADHS erleben den Einstieg in die Berufswelt häufig als anspruchsvoll. Sie müssen ihre eigenen Fähigkeiten und Arbeitsweisen realistisch einschätzen, Aufgaben selbstständig planen und sich in neue Strukturen einfinden. Praktische Einblicke in verschiedene Berufe unterstützen dabei, Interessen, Stärken und Anforderungen besser einzuordnen und eine passende Wahl für die Erstausbildung zu treffen.
Während der Ausbildung geben nachvollziehbare Prozesse, klare Zuständigkeiten und transparent kommunizierte Erwartungen Sicherheit und Orientierung. Hilfreich ist zudem eine frühzeitige Klärung, wie schulische Anforderungen bewältigt werden können und welche Unterstützung im Lernalltag sinnvoll ist.
Jugendliche mit ADHS benötigen im Ausbildungsalltag präsente Bezugspersonen und verlässliche Rahmenbedingungen. Die Beziehungspflege zu den Jugendlichen kann viel zur gelingenden Ausbildung beitragen.
Herausforderungen zeigen sich unter anderem beim Zeitmanagement, bei der Prioritätensetzung oder in sozialen Situationen. Für Ausbildner:innen ist es hilfreich, Lern- und Arbeitsprozesse so zu gestalten, dass Orientierung rasch möglich ist und Erwartungen klar nachvollziehbar bleiben. Visualisierungen von Abläufen geben Sicherheit und fördert die Eigenverantwortung, insbesondere wenn Informationen über das Hören nicht mehr gut aufgenommen werden können, etwa bei Reizüberflutung. Zeitnahe, konkrete, wertschätzende Rückmeldungen stärken und unterstützen einen stabilen Ausbildungsverlauf.
Erwachsene mit ADHS erleben berufliche Anforderungen oft als wechselhaft oder schwer kalkulierbar. Zeitdruck, parallele Aufgaben und zahlreiche Kommunikationskanäle führen leicht zu Unsicherheit oder Erschöpfung. Gleichzeitig zeigen viele Betroffene Stärken wie schnelle Auffassungsgabe, kreative Denkweisen oder eine hohe Motivation in interessengeleiteten Tätigkeiten. Stabilität im Berufsalltag entsteht meist dann, wenn Arbeitsprozesse klar strukturiert und Kommunikationswege gut nachvollziehbar sind. Therapeutische und/oder medikamentöse Unterstützung kann ergänzend zur Verbesserung der Belastbarkeit beitragen.
Lehrpersonen, Dozent:innen und Erwachsenenbildner:innen gestalten Lern- und Unterrichtsumgebungen, die entscheidend zur Orientierung beitragen. Menschen mit ADHS profitieren insbesondere von klaren Abläufen, nachvollziehbaren Anforderungen und einem Umfeld, das konzentriertes Arbeiten erleichtert.
In Weiterbildungen unterstützen gut strukturierte Lernsequenzen den Erfolg, während im schulischen Kontext transparente Anforderungen und eine klare Kommunikation hilfreich sind. Eine ressourcenorientierte Haltung trägt dazu bei, individuelle Fähigkeiten sichtbar zu machen und Lernende gezielt zu unterstützen.
Wenn ADHS-bedingte Schwierigkeiten die Ausbildung beeinflussen könnten, ist es sinnvoll, eine Offenlegung frühzeitig und bewusst zu erwägen. Eine Mitteilung kann helfen, Missverständnisse zu vermeiden und von Anfang an klare Rahmenbedingungen zu schaffen und frühzeitig Unterstützung zu installieren, Z.B. IV-Job-Coaching
Für viele Jugendliche ist es entlastend, wenn Ausbildner:innen verstehen, weshalb klare Strukturen, präzise Anleitungen oder regelmässige Rückmeldungen wichtig sind. Dennoch möchten viele zunächst ohne besondere Kennzeichnung wie «alle anderen» in die Berufswelt starten. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass ein späteres, unerwartetes Bekanntwerden der ADHS-Diagnose das Vertrauen von Ausbildungsverantwortlichen deutlich irritieren kann. Eine transparente und gut vorbereitete Kommunikation schafft oft Klarheit und stärkt die Zusammenarbeit.
Die Entscheidung sollte gemeinsam mit den Erziehungsberechtigten getroffen werden und hängt vom Vertrauen in die Ausbildungsstelle sowie vom individuellen Unterstützungsbedarf ab. Wichtig ist, dass die besonderen Bedürfnisse, wie einen reizarmen Arbeitsplatz (tragen eines Kopfhörers), Visualisierungen von Abläufen, gutes Arbeitsklima usw. besprochen werden. Das kann für die erfolgreiche Ausbildung wesentlich sein. Eine Offenlegung der ADHS-Diagnose ist nicht verpflichtend.
Die Offenlegung ist freiwillig und sollte gut überlegt sein. Sie kann hilfreich sein, wenn Anpassungen am Arbeitsplatz oder klarere Kommunikationswege entlasten würden – vorausgesetzt, es besteht ein vertrauensvoller Rahmen. Dabei muss nicht zwingend die ADHS-Diagnose genannt werden. Oft reicht es, konkrete Herausforderungen zu benennen, beispielsweise eine erhöhte Reizempfindlichkeit, eine schnelle Ablenkbarkeit oder Schwierigkeiten, sehr früh am Morgen konzentriert zu arbeiten. Wer eigene Arbeitsbedingungen und Unterstützungsbedürfnisse klar kommuniziert, schafft Verständnis und ermöglicht passende Lösungen.
Ein Nachteilsausgleich sorgt dafür, dass Menschen mit einer diagnostizierten Beeinträchtigung ihre Leistungen unter fairen Bedingungen zeigen können, ohne dass Anforderungen oder Lernziele verändert werden. In der Erstausbildung betrifft dies vor allem Prüfungssituationen oder schriftliche Arbeiten. Auch in Weiterbildungen kann ein Nachteilsausgleich sinnvoll sein. Die Grundlage bilden die Bundesverfassung (Art. 8 und 19) und das Behindertengleichstellungsgesetz.
Eine medikamentöse Behandlung kann Aufmerksamkeit, Impulskontrolle, Reizverarbeitung und Ausdauer verbessern und dadurch den Berufsalltag stabilisieren. Wichtig sind eine individuell angepasste Dosierung sowie professionelle Begleitung. Medikamente ersetzen keine Struktur, erleichtern aber deren Umsetzung.
Bei Stimulanzien ist zusätzlich auf die Fahrtüchtigkeit und das Bedienen von Maschinen zu achten. Unter stabiler Medikation sind Menschen mit ADHS fahrtüchtig. In der Anfangsphase, bei Dosierungsänderungen oder bei Nebenwirkungen sollte jedoch vorsichtig gehandelt und gegebenenfalls gewisse Aufgaben pausiert werden.
Therapie und Coaching erfüllen unterschiedliche Aufgaben und können sich sinnvoll ergänzen. Eine Therapie eignet sich insbesondere dann, wenn die ADHS-Symptomatik oder Begleiterkrankungen zu einer deutlichen Belastung führen und eine vertiefte Behandlung notwendig ist. Coaching ist hilfreich, wenn vor allem praktische Alltagsthemen wie Zeitmanagement oder Priorisierung im Vordergrund stehen. Welche Form im Einzelfall geeignet ist, sollte gemeinsam mit einer qualifizierten Fachperson abgeklärt werden.
Die Belastbarkeit ist nicht grundsätzlich geringer, sie schwankt jedoch stärker in Abhängigkeit von Struktur, Klarheit und Umgebung. Unvorhersehbare Abläufe, parallele Aufgaben oder hoher Zeitdruck sind besonders herausfordernd. Mit klaren Routinen, planbaren Prozessen und bewussten Pausen lässt sich die Belastbarkeit deutlich verbessern.
Viele Menschen mit ADHS fühlen sich in abwechslungsreichen, dynamischen oder praktisch orientierten Tätigkeiten wohl, insbesondere wenn sie ihren Stärken entsprechen. Entscheidend ist weniger der Beruf an sich als die passende Kombination aus Aufgabenprofil, Teamkultur und Arbeitsumgebung.
Viele Erwachsene mit ADHS berichten über häufigere Stellenwechsel, oft aufgrund von Überforderung, fehlender Struktur oder unpassenden Rahmenbedingungen. Auch Unterforderung kann eine Rolle spielen, insbesondere wenn stark monotone und routinierte Aufgaben auf Dauer Langeweile auslösen und die Motivation sinkt. Wiederholte Wechsel sind kein Zeichen von mangelnder Motivation oder Ausdauer, sondern weisen häufig darauf hin, dass Arbeitsumfeld und Bedürfnisse nicht gut zusammenpassen. Mit passenden Strategien können der Berufsalltag stabiler und das Bedürfnis für Jobwechsel geringer werden.
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