Themenwelt – ADHS, Schule und Lernen

Wenn Lernen anders läuft

Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS beeinflusst Konzentration, Verhalten, Organisation und emotionale Regulation. Diese Herausforderungen zeigen sich auch im Zusammenhang mit Schule und Lernen. Hier finden Eltern, Lehrpersonen und schulische Fachpersonen Informationen und Empfehlungen, um Kinder und Jugendliche mit ADHS während der obligatorischen Schulzeit wirksam zu unterstützen.

Warum ADHS den Schulalltag besonders prägt

Kinder und Jugendliche mit ADHS begegnen schulischen Herausforderungen nicht aufgrund mangelnder Anstrengung, sondern wegen neurobiologischer Besonderheiten. Aufmerksamkeit, Impulssteuerung und Selbstorganisation funktionieren anders. Auch zusätzliche Lernschwierigkeiten wie Dyslexie oder Dyskalkulie können auftreten.

Im Schulalltag kann sich ADHS zum Beispiel so zeigen:
  • Schwierigkeiten, ruhig zu sitzen oder längere Zeit still zu arbeiten
  • Impulsives Dazwischenreden oder Antworten herausrufen
  • Mühe, Anweisungen vollständig zu erfassen und umzusetzen
  • Starke Ablenkbarkeit durch Geräusche oder Ereignisse im Umfeld
  • Schwierigkeiten, Aufgaben zu strukturieren oder zu Ende zu bringen
  • Grosse Ungeduld beim Warten oder bei Gruppenarbeiten

Um Lernen, Teilhabe und Entwicklung zu ermöglichen, braucht es ein abgestimmtes Vorgehen von Eltern, Lehrpersonen und weiteren Fachpersonen im schulischen Umfeld. Diese Zusammenarbeit und die damit verbundenen Massnahmen sind idealerweise in ein multimodales Therapie-Konzept eingebettet. Dieser Ansatz verbindet Wissensvermittlung (Psychoedukation), Therapie, bei Bedarf Medikamente sowie pädagogische und soziale Massnahmen.

Neben den Herausforderungen bringen viele Kinder und Jugendliche mit ADHS auch besondere Stärken mit. Häufig zeigen sie Kreativität, Ideenreichtum und Begeisterungsfähigkeit. Viele verfügen über eine ausgeprägte Neugier, einen starken Gerechtigkeitssinn und eine grosse Sensibilität für ihre Umgebung.

Wenn ein Thema ihr Interesse weckt, können Kinder und Jugendliche mit ADHS oft sehr fokussiert und ausdauernd arbeiten. Diese Fähigkeit zum sogenannten Hyperfokus kann beim Lernen eine wertvolle Ressource sein.

Eine ressourcenorientierte Perspektive hilft, diese Stärken zu erkennen und gezielt zu fördern. Wenn Kinder erleben, dass ihre Fähigkeiten wahrgenommen und wertgeschätzt werden, stärkt dies Motivation, Selbstvertrauen und Lernbereitschaft.

Stärken von Kindern und Jugendlichen mit ADHS

Mehr Hintergrundwissen

Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule

Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrpersonen ist ein zentraler Faktor für eine gelingende schulische Entwicklung. Klare Kommunikation, gegenseitiges Verständnis und gemeinsame Ziele helfen, Herausforderungen früh zu erkennen und passende Unterstützung zu planen.

Viele Eltern von Kindern und Jugendlichen mit ADHS erleben Unsicherheit, Schuldgefühle oder wiederkehrende Konflikte im schulischen Umfeld. Eine offene und lösungsorientierte Zusammenarbeit kann hier wesentlich zur Entlastung beitragen.

Hilfreiche Ansätze für eine gute Zusammenarbeit können sein:
  • Beobachtungen und hilfreiche Strategien frühzeitig miteinander teilen
  • Gemeinsam konkrete Massnahmen für den Schulalltag vereinbaren
  • Wichtige Absprachen kurz schriftlich festhalten
  • Fortschritte und gelungene Situationen miteinander teilen

Beziehung zwischen Lehrperson und Kind

Neben der Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule spielt auch die Beziehung zwischen Lehrperson und Kind eine wichtige Rolle. Eine klare, verlässliche und respektvolle Beziehung erleichtert es Kindern und Jugendlichen mit ADHS, Unterstützung anzunehmen, Regeln einzuhalten und sich auf Lernprozesse einzulassen.

Hilfreiche Ansätze im Schulalltag können sein:
  • Stärken wahrnehmen: Interessen und Fähigkeiten des Kindes bewusst einbeziehen
  • Kritik ruhig und konkret formulieren: Verhalten benennen, ohne das Kind abzuwerten
  • Positives Verhalten verstärken: Fortschritte loben und sichtbar machen
  • Verlässliche Regeln: klare Erwartungen und konsequente Umsetzung geben Orientierung
  • Interesse zeigen: kurze persönliche Gespräche oder positives Feedback stärken die Beziehung

Strategien für Unterricht und Familienalltag

Kinder und Jugendliche mit ADHS profitieren besonders von klaren Strukturen, vorhersehbaren Abläufen und sichtbarer Orientierung im Schulalltag und zuhause. Solche Rahmenbedingungen erleichtern es ihnen, Aufmerksamkeit zu steuern und Aufgaben Schritt für Schritt zu bewältigen.

Hilfreiche Massnahmen im Unterricht können zum Beispiel sein:
  • Ein klarer und ritualisierter Start in den Schultag
  • Visualisierte Tagespläne oder Arbeitsaufträge
  • Kurze und klare Anweisungen in kleinen Arbeitsschritten
  • Feste Zeiten für Arbeitsphasen und Pausen
  • Schriftlich festgehaltene Hausaufgaben
  • Ruhige Arbeitsplätze oder Rückzugsmöglichkeiten

Viele dieser strukturellen Massnahmen helfen nicht nur einzelnen Kindern mit ADHS, sondern verbessern häufig die Lernbedingungen für die gesamte Klasse. Wenn hilfreiche Strategien für alle Schüler:innen gelten, erhöht dies die Akzeptanz und reduziert Stigmatisierung.

In manchen Situationen ist es zudem hilfreich, eine Klasse altersgerecht über ADHS zu informieren. Eine kurze Aufklärung kann Verständnis fördern und dazu beitragen, dass Unterschiede im Verhalten besser eingeordnet werden können.

Auch zuhause können strukturierende Strategien entlasten:
  • Struktur und Rituale: Wenige, aber klare Regeln und wiederkehrende Abläufe geben Sicherheit und entlasten die Familie
  • Zeit sichtbar machen: Timer wie der «Time Timer» oder visuelle Anzeigen helfen Kindern und Jugendlichen mit ADHS, Zeitspannen besser einzuschätzen und der sogenannten «Zeitblindheit» entgegenzuwirken
  • Inneren Motor regulieren: Übungen wie der innere «Tacho» unterstützen dabei, Aktivierungszustände zu erkennen und anzupassen
  • Klare Anweisungen: Kurze, eindeutige Schritte formulieren und vom Kind wiederholen lassen
  • Direkte Belohnungen: Kleine, unmittelbare Verstärker wirken besser als langfristige Belohnungen
  • Bemühungen anerkennen: Bemühungen loben, nicht nur Ergebnisse
Hausaufgaben-Strategien (Auswahl)
  • Struktur schaffen: Kleine Arbeitseinheiten, feste Zeiten und enge Begleitung erleichtern den Einstieg
  • Reduktion klären: Bei Überlastung das Gespräch mit der Lehrperson suchen und einen angepassten Wochenplan vereinbaren
  • Beziehung schützen: Wenn Hausaufgaben zu Konflikten führen, können schulinterne Hausaufgabenbetreuung oder Nachhilfe entlasten

Nachteilsausgleich bei ADHS

Kinder und Jugendliche haben gemäss Bundesverfassung Anspruch auf chancengleichen Zugang zu Bildung. Der Nachteilsausgleich stellt sicher, dass Schüler:innen mit einer diagnostizierten Beeinträchtigung vergleichbare Lernbedingungen haben. Grundlage dafür sind unter anderem Artikel 8 der Bundesverfassung und das Behindertengleichstellungsgesetz. Ziel ist es, Benachteiligungen auszugleichen, ohne die Bildungsziele qualitativ zu verändern.

Ein Nachteilsausgleich kann sinnvoll sein, wenn Kinder oder Jugendliche ihre schulischen Fähigkeiten aufgrund von ADHS nicht angemessen zeigen können. Voraussetzung ist eine Diagnose. Die Bedingungen, Prozesse und Zuständigkeiten sind kantonal unterschiedlich geregelt. Da der Antrag für Eltern anspruchsvoll sein kann, ist es sinnvoll, ihn gemeinsam mit der Lehrperson vorzubereiten. So können Beobachtungen und Erfahrungen aus dem Schul- und Familienalltag gemeinsam berücksichtigt werden. Sie finden online weitere Informationen, wenn Sie zum Beispiel nach «Nachteilsausgleich + individueller Kanton» suchen.

Die Massnahmen im Rahmen des Nachteilsausgleichs werden individuell festgelegt und können sich im Verlauf der Schulzeit verändern. Häufig werden sie bei Übergängen zwischen Schulstufen überprüft und angepasst, da sich Anforderungen und Bedürfnisse im Verlauf der Entwicklung verändern.

Mögliche Massnahmen können zum Beispiel sein:
  • Klassenassistenz/Klassenhilfe
  • Angepasste Prüfungsunterlagen
  • Individuelle Pausen
  • Hilfsmittel wie ein Pamir, um die Reizfilterung zu unterstützen

Einige Massnahmen aus einem Nachteilsausgleich können auch im regulären Unterricht hilfreich sein und kommen häufig der gesamten Klasse zugute.

Häufige Fragen

Ein Nachteilsausgleich ist eine schulische Massnahme, die sicherstellt, dass Kinder und Jugendliche mit einer diagnostizierten Beeinträchtigung wie zum Beispiel ADHS vergleichbare Lernbedingungen haben wie ihre Mitschüler:innen. Ziel ist es, bestehende Nachteile auszugleichen, ohne die Lernziele oder Anforderungen der Schule zu verändern. In der Schweiz basiert der Nachteilsausgleich unter anderem auf Artikel 8 der Bundesverfassung und dem Behindertengleichstellungsgesetz.

Transparenz erleichtert eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Lehrpersonen profitieren davon zu wissen, welche Strukturen zuhause funktionieren und wo Unterstützung nötig ist. Regelmässige Absprachen stärken die Orientierung aller Beteiligten.

Auch wenn ein Kind zuhause wenig auffällig wirkt, kann es im schulischen Umfeld überfordert sein. Ein offenes Gespräch mit der Schule ist in solchen Situationen oft ein erster hilfreicher Schritt. Bei anhaltenden Schwierigkeiten empfiehlt sich die Unterstützung durch eine Fachperson sowie eine Abklärung bei einer auf ADHS spezialisierten Stelle.

Die Entscheidung über eine medikamentöse Behandlung liegt grundsätzlich bei den Eltern und erfolgt in Absprache mit einer Fachperson. Lehrpersonen können ihre Beobachtungen zum Verhalten oder zur Belastung im Schulalltag einbringen, entscheiden jedoch nicht über medizinische Massnahmen. Wenn unterschiedliche Einschätzungen bestehen, kann ein Gespräch mit einer Fachperson oder dem schulpsychologischen Dienst (SPD) helfen, die Situation gemeinsam zu klären und passende Unterstützungsmöglichkeiten zu besprechen.

Klassenassistenzen oder Klassenhilfen können in bestimmten Situationen eingesetzt werden, wenn zusätzlicher Unterstützungsbedarf im Unterricht besteht. Dies kann bei ADHS der Fall sein, aber auch bei anderen Herausforderungen wie Lernschwierigkeiten, sprachlichen Hürden oder einem erhöhten Unterstützungsbedarf in der Klasse insgesamt. Die konkreten Regelungen und Voraussetzungen sind kantonal unterschiedlich und werden in der Regel durch Schule, Schulpsychologischen Dienst oder zuständige Behörden festgelegt.

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