ADHS rückt stärker ins öffentliche Bewusstsein. Mit der zunehmenden Präsenz in Medien und in der Gesellschaft wird es umso wichtiger zu verstehen, was ADHS tatsächlich bedeutet. Hier erfahren Sie, was die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung genau ist, wie sie entsteht und welche ADHS-Symptome bei Kindern und Erwachsenen typisch sind.
Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, ist gemäss des internationalen Klassifikationssystems ICD eine neurologische Entwicklungsstörung. ICD steht für «International Classification of Diseases» beziehungsweise «Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme» und wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO erstellt.
Die ADHS beginnt in der Kindheit und bleibt bei einem Teil der Menschen bis ins Erwachsenenalter bestehen. Typisch sind Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und Konzentration, eine ausgeprägte Unruhe sowie impulsives Verhalten. Diese Merkmale müssen für die Diagnose in mehreren Lebensbereichen auftreten und den Alltag klar beeinträchtigen, etwa in der Schule, im Beruf oder in Beziehungen.
Neben Herausforderungen bringt ADHS auch Stärken mit sich. Menschen mit ADHS gelten zum Beispiel als kreativ, spontan und ideenreich. Ob eine Person die neurologische Disposition als Ressource oder Belastung erlebt, ist sehr individuell und hängt stark von den eigenen Erfahrungen ab.
Die Ursachen von ADHS sind komplex und noch nicht vollständig erforscht. Fachpersonen gehen heute davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenwirken, dazu gehören auch genetische und umweltbedingte Einflüsse.
Im Gehirn zeigen sich bei der ADHS Besonderheiten in der Art, wie Informationen verarbeitet werden. Besonders betroffen ist das Frontalhirn, das eine wichtige Rolle für Aufmerksamkeit, Motivation und die Steuerung von Handlungen spielt. Dort besteht ein Ungleichgewicht bestimmter Botenstoffe, die als Neurotransmitter bezeichnet werden. Dieses Ungleichgewicht kann die Selbstregulation und Konzentration beeinträchtigen. Bei der ADHS sind vor allem die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin beteiligt.
ADHS zeigt sich durch drei Kernsymptome, die in unterschiedlichem Ausmass auftreten können:
Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, Flüchtigkeitsfehler, rasche Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit oder den Eindruck erwecken, nicht zuzuhören
Bewegungsdrang, motorische und/oder innere Unruhe, übermässiges Reden, Schwierigkeiten, ruhig zu bleiben oder sich still zu beschäftigen
Handeln, ohne nachzudenken, Ungeduld, spontane Gefühlsausbrüche, Unterbrechen anderer
Die Ausprägung der Symptome kann sich im Laufe des Lebens verändern. Bei Kindern rücken häufig Schwierigkeiten mit der Konzentration und eine ausgeprägte motorische Unruhe in den Vordergrund. Im Erwachsenenalter zeigen sich eher Merkmale wie Vergesslichkeit, emotionale Impulsivität oder eine anhaltende innere Unruhe.
Je nachdem, welche Kernsymptome überwiegen, unterscheidet man drei verschiedene ADHS-Typen:
Wirkt ruhig, abwesend oder langsam. Während die Person äusserlich still erscheint, schweifen die Gedanken ab. Die innere Unruhe bleibt nach aussen oft unsichtbar.
Zeigt sich weniger durch körperliche Unruhe, sondern vor allem in der Sprache. Auffällig sind ein ausgeprägter Rededrang, viele gleichzeitige Ideen und häufige Themenwechsel.
Vereint beide Ausprägungen, also die unaufmerksame Verträumtheit und die impulsive Energie. Viele Personen lernen früh, diese Seiten durch grosse Anstrengung zu verbergen (sogenanntes Masking), um Erwartungen zu entsprechen.
Die kombinierte Form ist am häufigsten. Dabei sind sowohl Unaufmerksamkeit als auch Hyperaktivität und Impulsivität über mindestens sechs Monate deutlich ausgeprägt. Bei Mädchen zeigt sich ADHS häufig in unterschiedlichen Erscheinungsbildern.
Bis zu 85% der Menschen mit ADHS haben zusätzlich eine oder mehrere weitere psychische oder körperliche Erkrankungen. Fachpersonen sprechen dabei von Komorbiditäten.
ADHS kann die Entstehung weiterer Erkrankungen begünstigen. Dazu gehören Angst- und depressive Störungen, weil aufgrund der ADHS zum Beispiel soziale Schwierigkeiten oder Schulprobleme entstehen. Eine frühe Diagnose hilft, solche Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und angemessen zu unterstützen.
Ob ADHS als Krankheit empfunden wird, ist von Person zu Person unterschiedlich. Die medizinischen Klassifikationssysteme ICD und DSM führen die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung jedoch als anerkannte Diagnose. In diesem fachlichen Verständnis gilt die ADHS als Krankheit, auch wenn die persönliche Einordnung je nach Erfahrung und Perspektive verschieden sein kann.
Nein. Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ist wissenschaftlich gut untersucht und in internationalen Diagnosemanualen klar beschrieben. Dass heute mehr Diagnosen gestellt werden, hängt vor allem mit besserer Aufklärung, höherer Sensibilität und einem grösseren Wissen über die ADHS in allen Altersgruppen zusammen.
Je nach Studie zeigen zwischen rund 3% und 9% der Kinder und Jugendlichen weltweit eine ADHS, in der Schweiz sind es etwa 5%. Für Erwachsene werden Häufigkeiten von ungefähr 2.5% bis 5% beschrieben. Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass Kinder mit ADHS auch im Erwachsenenalter noch Symptome haben können. Je nach Untersuchung betrifft dies etwa die Hälfte oder sogar einen noch grösseren Teil der Menschen mit ADHS. Jungen erhalten häufiger eine Diagnose als Mädchen, oft in einem Verhältnis von etwa zwei zu eins, wobei Mädchen aufgrund weniger auffälliger Symptome häufiger unerkannt bleiben.
Ja. Erbliche Faktoren spielen eine bedeutsame Rolle. Studien legen nahe, dass ADHS in etwa 70 bis 80% der Fälle vererbt wird. Daher weisen Familienangehörige ersten Grades ein höheres Risiko auf, ebenfalls ein ADHS zu entwickeln.
Als Non-Profit-Organisation begleiten wir Menschen mit ADHS und ihre Angehörigen mit Fachwissen, Erfahrung und Herz. Mit Ihrer Mitgliedschaft oder Spende tragen Sie dazu bei, dass unsere Angebote auch künftig bestehen und weiterentwickelt werden können. Jeder Beitrag zählt.
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